Nachruf-Gokul

Liebe Freunde von Gokul,

leider muss ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Gokul seit dem Erdbeben vermisst wird.

Gokul führte Nadine (Praktikantin und Reiseteilnehmerin in der Herbstgruppe 2014) zusammen mit ihren beiden Brüdern und deren Freundinnen auf einer Trekkingtour im Langtang. Die Tour hatte am Mittwoch vor dem Erdbeben begonnen und sollte sieben Tage dauern.  An dem fatalen Samstag vor einer Woche fühlte sich eine der beiden jungen Frauen nicht wohl und blieb im Hotel im Dorf Langtang. Aus welchen Gründen auch immer blieben Gokul und einer der Träger auch dort, während Nadine mit den anderen weiter nach oben stieg.  Das fatale Erdbeben brachte eine Schlammlawine mit sich, die durch das ganze Tal fegte und alles unter sich begrub. Inzwischen haben  noch herabgestürzte Gletschermassen das Tal mit einer Eisschicht bedeckt.

Nadine, ihre Brüder und die eine Freundin blieben unversehrt und konnten gerettet werden. Sie befinden sich inzwischen in Kathmandu. Dank tausenden von Schutzengeln haben sie überlebt, können sich aber nur bedingt darüber freuen, weil davon auszugehen ist, dass Gokul, die junge Frau und der Träger unter den Erdmassen begraben wurden und nicht mehr am Leben sind, denn seit dem verheerenden Erdbeben gab es kein Lebenszeichen mehr von ihnen.

Jetzt habe ich es endlich geschafft, das seit zwei Tagen Unfassbare für mich und sicherlich auch für Euch alle in Worte zu kleiden, um Euch zu benachrichtigen. Ich trauere mit Nadine und ihren Angehörigen um die junge Frau und spreche ihnen meine tiefe innere Anteilnahme aus. Ebenso trauere ich um den Träger, von dem ich bisher noch nicht einmal weiß, ob er schon eine eigene Familie hatte. Für den Verlust von Gokul finde ich keine Worte, denn er stand mir sehr nahe. Seit Patrick von dem französischen Verein, mit dem ich meine Arbeit in Nepal angefangen hatte,  Gokul bei einem Ausflug nach Bhaktapur  kennengelernt und ihn mir (bei nächster Gelegenheit) vorgestellt hatte, sind Gokuls und mein Leben miteinander verwoben. Damals besuchte er die 9. Klasse in einer "government school" und musste dringend sein Englisch verbessern. Der "Unterricht" erfolgte per Mail, d.h. Gokul schrieb mir, und ich verbesserte seine Fehler. Als die Mails immer länger wurden, gab ich diese Aufgabe an einen lieben, gerade pensionierten Kollegen ab.  Gokul lernte im wahrsten Sinne des Wortes aus seinen Fehlern. Der deutsche Verein finanzierte dann sein Touristik-Studium. Durch meine Reisegruppen und Praktikanten, die zuletzt alle ihre Reisen bei ihm buchten, konnte ich ihm zu beruflichem Erfolg und einem gewissen Wohlstand verhelfen. Er wurde zum Arbeitgeber für seinen Bruder (Fahrer seines im November 2014 erstandenen PKWs für Kleingruppen), seine Schwester (in seiner Reiseagentur) und vielen Bewohnern in seinem Heimatdorf, denen er Touristen innerhalb eines "home stay" Programms vermittelte.

Wegen seiner liebenswerten Art und seiner Kompetenz in vielen Bereichen werden wir ihn alle sehr vermissen. Seitdem ich von seinem durch das Erdbeben verursachten Schicksal weiß, sehe ich ihn ständig vor meinem geistigen Auge mit seinem lächelnden Gesicht auf mich zukommen und höre innerlich seine angenehme Stimme. Sein Tod ist ein sehr herber Verlust. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

In Gokuls Heimatdorf sind durch das Erdbeben einige Schäden entstanden, deren Reparatur der Verein übernehmen möchte. Er will auch Gokuls Geschwistern und Angestellten helfen, soweit sich dies realisieren lässt. Sollte sich z.B. jemand beruflich weiter qualifizieren wollen, würde der Verein die Kosten dafür übernehmen. Auch die Familie des verunglückten Trägers soll bedacht werden.

Einige Nepalesen aus seiner Umgebung setzen noch alles dran, um ihn zu finden. Sobald ich mehr weiß, melde ich mich wieder.  Mit sehr traurigen Grüßen
Ellen